Beobachtungen und Folgerungen
Grenzen des Ausbaus
Bezogen auf den erreichten Anteil erneuerbarer Energien von 55% an der Stromerzeugung klingt das 100%-Ziel aber doch gar nicht unrealistisch, oder? Ist es aber! Und dass wahrscheinlich selbst 70% mit der bisherigen Herangehensweise kaum zu schaffen sein werden, zeichnet sich bereits ab. Denn kürzlich war zu vernehmen, dass im letzten Jahr wieder eine bestimmte Menge an Energiegewinnungskapazität (angegeben üblicherweise in TWh – TeraWattStunden) an Erneuerbaren hinzugebaut wurde und ans Netz gegangen sei, aber der Anteil der Erneuerbaren an der Stromproduktion nicht um die gleiche Energiemenge zugenommen habe, sondern nur etwa um die Hälfte der zusätzlichen Erzeuger-Kapazität.
Reflexartig wurde in der Analyse des Problems darauf verwiesen, dass der schleppende Netzausbau Schuld habe und die zusätzlichen Strommengen aus dem Norden nicht ausreichend in den energiehungrigen Süden transportiert werden könnten, mit der Folge, dass Kapazitäten zwar installiert wurden, aber dafür häufiger abgeregelt werden müssten. Im Prinzip ist das auch ein Teil des Problems, die Beobachtung bzw. Analyse ist in soweit schon korrekt, aber sie greift viel zu kurz, weshalb die gezogenen Schlüsse falsch sind.
Warum sind die aus einer richtigen Beobachtung für den Netzausbau gezogenen Schlüsse im Kern falsch?
Offensichtlich bleibt trotz weiteren Zubaus von Solar- und Windstrom das Problem der fehlenden Grundlastfähigkeit bestehen. Zugleich ist ein Zustand erreicht, wo ein weiterer Zubau sich nicht mehr eins zu eins in nutzbarem Ertrag niederschlägt, weitere Anlagen also erst einmal weniger rentabel sind bzw. die Rentabilität aller Anlagen senken. Dies wird nachfolgend gezeigt werden.
Der Zusammenhang zwischen installierter Erzeugerkapazität und tatsächlich nutzbarem Ertrag folgt einem ertragsgesetzlichen Verlauf, der bisher unbeachtet geblieben zu sein scheint. Denn man hat durch die neuen Anlagen vor allem das Überangebot vergrößert, was folgerichtig zu mehr Abregelung führen muss, wodurch der potenziell zusätzlich erzeugbare Strom gar nicht erzeugt werden kann. Ein Netzausbau ist in gewissem Umfang nötig, aber er löst nur das Teilproblem, Ort des Angebots und Ort der Nachfrage besser zu verbinden. Das zweite Teilproblem, nämlich die fehlende zeitliche Kongruenz – dass das Angebot genau dann bereitgestellt werden kann, wenn es auch nachgefragt wird – kann mit einem Netzausbau alleine nicht gelöst werden.
Die richtigen Schlüsse ziehen – Das Problem der Verstetigung
Ginge es um die Produktion von Getränken wie in dem Gedankenexperiment, wüsste jeder intuitiv, wie die beschriebenen Probleme zu lösen wären: Ein Lager für den Überschuss des Tages, um Vorrat für die Nacht zu haben. Für die Produktion von Solar- und Windstrom ist die Lösung dieselbe, um zu einer Verstetigung des Angebotes zu kommen: ein Speicherakku. Der kostet zwar Geld und das Ein- und Ausspeichern ist mit Verlusten verbunden – angesichts der Börsenpreise am Abend und am Morgen ist es dennoch lohnenswert, denn diese Preise liegen je nach Wetterlage beim doppelten bis zehnfachen (!) des normalen Erzeugerpreises. Und es wäre ein enormer Beitrag zur Netzstabilisierung, den Strom auf diese Weise netzdienlich einzuspeisen. Ein weiterer Ausbau der Erzeugerkapazität alleine hingegen bringt nicht viel, die Rentabilität sinkt sogar.